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Die Kastration beim Hund: Kein Allheilmittel

Von Christine Holst
 
Egal ob Hundebesitzer, Hundetrainer oder Tierärzte: Viele sehen in der Kastration beim Hund das Allheilmittel. Da heißt es, der Hund ist aggressiv oder „dominant“, er jagt Joggern hinter her oder einer läufigen Hündin. Man muss man ständig aufpassen oder kann nicht so in den Urlaub fahren, wie man möchte und die Blutflecken in der Wohnung nerven auch. Ja, und dann natürlich das Thema schlecht hin: Krebsminimierung und Reproduktionsverhinderung.
Kastration beim Hund 
Dabei ist die Kastration eines Hundes keine Kleinigkeit, sondern gilt nach deutschem Tierschutzrecht als Amputation. Ihre Durchführung darf nicht nach Lust und Laune erfolgen, sondern bedarf einer medizinischen Indikation. Ausnahme und sicherlich immer noch eine Grauzone: Die erlaubte Amputation zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung. Hier sind wir primär beim Tierschutz. Es mag aktuell noch der richtige Angang sein, die Hunde im Ausland zu kastrieren. Denn die Alternative mit den Gesetzen vor Ort würde sonst oft das Todesurteil bedeuten. Aber warum haben viele Tierheime/ Tierschutzorganisationen in Deutschland noch die Klausel über die Kastration in ihren Schutzverträgen? Oder kastrieren direkt bei Ankunft in Deutschland; ungeachtet des Alters des Hundes, des Geschlechtes, Hundetyps und der Vorgeschichte? Mit meist schicksalhaften Folgen.
 
Medizinische Indikationen
 
Medizinische Indikationen bei Hündinnen:
  • Akuterkrankungen der Geschlechtsorgane
  • Diabetes mellitus
  • extremer Leidensdruck in Scheinschwangerschaften
  • extremes Aggressionsverhalten während der Läufigkeit
Medizinische Indikationen bei Rüden:
  • Erkrankungen wie Hodentumore, Analtumore, Prostataerkrankungen, Kryptorchismus oder persistierende Vorhautentzündung
  • Futterverweigerung
  • extremes Aufreiten bei Hunden und/oder Menschen
  • Urinmarkieren im Haus
  • Rangordnungsauseinandersetzungen zwischen zweiintakten Rüden; hier kann die Kastration des Rangniedrigen ein letztes Mittel sein
Frühkastration zur Minimierung medizinischer Risiken ist nicht sinnvoll. Die Nachteile überwiegen. Auch wenn bei Hündinnen die Reduktion des Mammaturmor-Risikos besteht, so liegt die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung bei nur max. 1,8%.* (* Bielefelder Kastrationsstudie von Dr. Gabriele Niepel).
Das Hauptrisiko für die Krebserkrankung sind Fettleibigkeit im ersten Lebensjahr (falsche Ernährung) und das mehrmalige Wegspritzen der Läufigkeit.
Der Rüde erhält seinen Testosteronschub bereits im Mutterleib (pränataler Hormonschub). Dies erklärt auch, warum frühkastrierte Rüden trotzdem typische geschlechtsspezifische Verhaltensweisen wie Markieren, Imponiergehabe gegenüber anderen Rüden, Besteigen bis hin zu Deckakten zeigen. Auch ist das Testosteron nicht nur das wichtigste Sexualhormon, sondern u. a. wichtig für die Körperbehaarung, Barthaare, den Muskelaufbau und die Knorpelneubildung. Testosteron ist außerdem angstlösend. Ebenso fatal: Durch die Frühkastration erleben weder die Hündin noch der Rüde die Pubertät und den damit verbundenen Reifeprozess. Die Entwicklung im sozialen Bereich wird abgebrochen
.
 
Kastration bei Verhaltensproblemen
 
Grundsätzlich sind nur solche Verhaltensweisen in Betracht zu ziehen, die über die Geschlechtshormone beeinflusst werden. Das Östrogen bei der Hündin beeinflusst das Verhalten in der Läufigkeit und der Scheinschwangerschaft. Die hier gezeigte übersteigerte Aggression wird durch die Kastration verringert. Auch bei einer angstaggressiven Hündin kann sich die Aggression vermindern. Ist hingegen der Rüde angstaggressiv wird sich die Aggression höchstwahrscheinlich verstärken. Dies gilt auch für die Wettbewerbsaggression der Hündin. Wiederum beim Rüden kann sich dieses Verhalten positiv verändern.
Ist der Rüde hypersexuell oder markiert im Haus kann sich das Verhalten bessern, muss aber nicht. Grundsätzlich empfiehlt sich vor dem Messer der sogenannte chemische Probelauf beim Rüden durch einen Chip.
Fazit: Eine Kastration kann Erziehung, Sozialisation und verhaltensgerechte Haltung eines Hundes nicht ersetzen. Eine Verhaltenstherapie kann sich im Einzelfall – nach sorgfältiger Diagnosestellung – für Hund und Halter positiver auswirken.
 
Folgen der Kastration
 
Bei einer Hündin ist die Kastration ein schwerer Eingriff mit all seinen Risiken (Narkose, Abwehr im Bereich der Ligaturen, Fistelbildungen, Blutungen, Nahtdehiszenzen, Seronbildungen, postoperative Verwachsungen, Infektionen ...). Folgen der Kastration sind u .a. auch oft Gewichtszunahme (veränderter Stoffwechsel) Plüschfell und Inkontinenz. Hier kann, wenn medizinisch indiziert, das Verbleiben der Gebärmutter helfen. Besonders wichtig ist der Zeitpunkt der Kastration. Die Hündin sollte hormonell ausgeglichen sein. Beim Rüden sollte es nicht unbedingt im Frühjahr oder Herbst sein, d. h. dann, wenn die meisten Hündinnen läufig sind.
 
Weiterführende Literatur zum Thema: Dr. Gabriele Niepel, „Bielefelder Kastrationsstudie“, Dr. Gabriele Niepel, „Kastration beim Hund“, Kosmos Verlag, Udo Gansloßer: „Verhaltensbiologie für Hundehalter“, Kosmos Verlag.