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Hunde mit Handicap: Behinderte Hunde - Geboren um zu Leben

Der Umgang mit einem Handicap-Hund und warum Mitleid völlig fehl am Platz ist

Viele unserer Kunden leben mit einem behinderten Hund – oftmals gerettet aus einer schlechten Haltung in einem anderen Land. Tierpsychologin und Hundetrainerin Christine Holst (www.canis-major.de) aus Sievershütten berichtet deshalb für das Bettenhaus Traumhund, dem Spezialisten für orthopädische Hundebetten, von ihren persönlichen Erfahrungen mit Dreibeinchen Skippy und gibt wertvolle Tipps zum Umgang mit Handicap-Hunden.
 
Skippy, ein (leider) frühkastrierter Mischlingsrüde – wir mutmaßen ob seines Verhaltens und Aussehens u. a. Podenco und Holländischer Schäfer – wurde 2009 von Tierschützern in Rumänien schwer verletzt aufgefunden. Er war sechs Monate alt und hatte im Unglück großes Glück: Das Franziskus Tierheim hat ihn aufgenommen, im Oktober 2009 kam er mit nur noch drei Beinen - eines davon verkrüppelt - nach Hamburg.
 
Das Mitleid mit ihm war groß und Skippy genoss in vielen Punkten seinen Behindertenbonus. Weil sich für ihn kein geeigneter Bewerber fand, nahmen wir Skippy nach langer und reiflicher Überlegung zu uns.
 
 
Ähnlich wie Menschen mit einer sichtbaren Behinderung erhalten auch Hunde mit Handicap unweigerlich mehr Aufmerksamkeit. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht angesprochen werden. Der Tenor ist immer derselbe: „Oh Gott, der Arme, was ist ihm denn passiert?“, „Huch, der hat ja nur 3 Beine; das haben wir ja gar nicht bemerkt“ oder „Wie macht er das nur?“.
 
Sicher ist es grundsätzlich positiv, wenn die Menschen bei unseren Spaziergängen ihr Interesse bekunden; nur manchmal möchten auch wir einfach nur „Gassi“ gehen - zumal bei vielen unserer Begegnungen das Bedürfnis, Skippy sofort zu streicheln extrem groß ist. Nur – Skippy ist ein Hund wie alle anderen auch und bekundet dieses Bedrängen dann auch gerne mal durch ein Brummen. Diese Reaktion wird von einem Handicap Hund nicht erwartet. Warum eigentlich nicht?
 
Hunde sind sich ihrer Behinderung mental nicht bewusst und verhalten sich eben wie Hund. Skippy ist beispielsweise ausgesprochen jagdlich motiviert, liebt es mit anderen Hunden zu toben und zu raufen, springt über Gräben, tollt im Wasser und benimmt sich zu Hause wie ein Wachhund. Der Erziehungsprozess ist nicht einfach. Skippy ist kein Einzelhund, sondern lebt mit 2 Weibchen im Rudel und gibt dadurch oft den Macho.
 
 

Behinderte Hunde sind behinderten Menschen gegenüber im Vorteil: Sie bewerten ihr Handicap nicht und können es meist durch andere Sinnesorgane kompensieren. Fehlt dem Menschen ein Bein, benötigt er eine Prothese (obwohl, die gibt es inzwischen auch für Hunde und sie können - je nach Verletzung - enorm hilfreich sein). Der Hund ist binnen kürzester Zeit wieder fast genauso flink unterwegs. In Fällen, bei denen zwei Beine fehlen, kann ein Rolli ein glückliches Leben bescheren.

 
Bei der Erziehung und dem Umgang mit behinderten Hunden gibt es dennoch einige Besonderheiten. Bei einem blinden Hund zum Beispiel sind primär akustische Signale (Hörzeichen) in der Erziehung und bei der Hilfestellung zur Überwindung/ Vermeidung von Hindernissen einzusetzen. Allerdings was die Hilfestellung anbelangt, muss erfahrungsgemäß der Mensch lernen, sich zurück zu halten und seinem Hund zu vertrauen. Ein blinder Hund lernt sehr schnell seine Nase, sein Gehör und seinen Tastsinn verstärkt zu gebrauchen. Am Ende können Menschen oft den blinden oder tauben Hund inmitten einer Meute nicht erkennen. Ebenso entdecken wir den Dreibeiner erst auf den zweiten Blick.
 
Der taube Hund wird primär non-verbal (Sichtzeichen) geführt. Bei den Sicht – und Hörzeichen sind Ihrer Phantasie keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist, dass Sie beim Einüben authentisch, geduldig und konsequent sind. Wie bei der „üblichen Erziehung“ auch.
 
Natürlich brauchen Handicap-Hunde zur Auslastung und zur Stärkung des Selbstvertrauens eine sinnvolle Beschäftigung. Das geht über Suchspiele, Fährtenarbeit, Apportieren, bis hin zu Agility, Mobility oder Hunderennen. Alles ist möglich – vorausgesetzt Sie stellen Ihr Mitleid hinten an. Vertrauen Sie Ihrem Hund und stecken Sie Ihre Energie in die etwas andere Erziehung und gemeinsame Beschäftigung.
 
 
Ebenso verhält es sich mit unserem Skippy. Wir beschäftigen ihn viel über die Nase und da ihm das Toben mit anderen Hunden wichtiger als das Jagen ist, ermöglichen wir ihm täglich diese sozialen Kontakte mit Artgenossen. So hat er die Möglichkeit, sich körperlich total auszupowern. Allerdings müssen wir ihm zwischendurch viele Ruhephasen und auch Massagen gönnen. Begleitend bekommt er homöopathische Mittel zum Muskulaturaufbau und zur Prophylaxe und die Schwimmtherapie steht bevor. Das ist zeit- und kostenintensiv, aber unseren Skippy mit dieser Lebensfreude zu sehen.... Ja, da sehen und fühlen wir, warum wir das für ihn tun. Er zeigt uns, er wurde geboren um zu leben. Er genießt jeden Augenblick in vollen Zügen. Jeder Augenblick ist wertvoll.
 
Wir hoffen, dass unser Erfahrungsbericht für etwas mehr Aufklärung sorgt - und dass die Zeiten, in denen behinderte Hunde unter dem Deckmantel der „guten Tat“ über die Regenbogenbrücke geschickt werden, endgültig der Vergangenheit angehören.
 
Christine Holst (Canis major) mit Ihrem Rudel Skippy, Agila und Brenda